Happenbach Geschichte 4

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Geschichte und Geschichten


Happenbach

v. Eugen Härle, Ilsfeld

Anmerkung:
In der Ausgabe vom Montag, 15. Februar 1954 wurde nachfolgende Beschreibung in der ehemaligen Zeitungsbeilage „Kein schöner Land - Ein Lesebogen zur Heimatkunde“, die vom pädagogischen Arbeitskreis des Unterland herausgegeben wurde, veröffentlicht.


Wenn die Heilbronner in all den Jahrzehnten und Jahrhunderten vom Schweinsberg aus nach Südosten schauten, dann blieb ihr Blick in der Regel an dem so stattlichen Schloß Stettenfels bei Untergruppenbach hängen. Kaum einer dachte daran, daß nur wenige Meter hinter diesem Schloß das kleine Dörfchen Happenbach liegt. Seit Jahrhunderten liegt es dort, niemand weiß, wie alt es ist und niemand weiß, wie alt das Bächlein ist, das wohl schon vor dem Dörfchen den Namen „Happenbach“ trug und das nach einem kurzen Lauf von etwa 2 km sich bei Abstatt von der Schozach aufnehmen läßt. Happenbach liegt in einem verträumten Winkel, den dort die letzten Ausläufer der Löwensteiner Berge bilden. Im alten Oberamt Heilbronn bildete es den südöstlichsten Zipfel des Oberamtsbezirks. Damals ging der Wald noch bis ans Dörfchen heran. Nachdem aber der „Rattenhau“ gerodet war, traten an Stelle des Waldes fruchtbare Obstgärten und Äcker. An dem großen Wald, der bei Happenbach beginnt und sich dann ohne aufzuhören in den Löwensteiner und Mainhardter Wäldern fortsetzt, hat aber die bürgerliche Gemeinde Happenbach kein Eigentumsrecht. Ihre Markung ist klein und die Äcker und die wenigen Weinberge sind nicht die besten.

So war es einst
Kein Wunder, daß die Happenbacher auf einen Nebenverdienst angewiesen waren. Den fanden sie im Wald, der dem Staat, dem Fürsten und der Gemeinde Untergruppenbach gehörte, oder auch dem Schloßgut Stettenfels oder auch auf dem Weingut Wildeck. Wer dort nicht sein Geld verdienen konnte, mußte als Weber oder Korbmacher seine Familie ernähren. Bis 1840 hatten die Happenbacher in Gemeinschaft mit Heinrieth und Abstatt gegen die Fürstl. Löwenstein-Wertheim`sche Grundherrschaft folgende Fronverbindlichkeiten: 7 Morgen Acker auf Wildeck zu bauen, 36 æ Morgen Wiesen zu mähen, zu dörren und das Öhmd gen Vohenlohe zu führen, 1 Morgen Weinberg daselbst zu bauen und sämtliche Wildecker Weinberge abzulesen, Beifuhr des nötigen Wassers und Holzes auf das Schloß Wildeck auf O Stunde Entfernung bergauf, Salz- und Leimenfuhren auf die Salzungen in den Fürstl. Waldungen, sodann endlich für einen der Grundherrschaft zu haltenden Wartboten jährlich 4 Gulden an das Rentamt zu bezahlen.
Durch die Fronablösungsurkunde v. 26. 4. 1840 wurden diese Fronen endgültig abgelöst. In den alten Kirchenbüchern von Untergruppenbach finden wir aus jener Zeit bei einigen Happenbachern die Bezeichnung „Wertheimer Bürger“.
Nach dem 70iger Krieg bot sich für die Happenbacher eine günstige Verdienstmöglichkeit in den Heilbronner Steinbrüchen beim Jägerhaus. Morgens um 4 Uhr gingen sie zu Hause weg zur schweren Arbeit, abends um 8 Uhr kamen sie müde zurück. Vielleicht waren die Happenbacher schon immer ein rauher Schlag. Die Steinbrucharbeit hat sie auf jeden Fall vollends zu einem gemacht. „Lieber einem Räuber verkommen (begegnen) als einem Happenbacher!“ soll der damalige Schultheiß von Abstatt geklagt haben. Daß sie es auch mit der Ehrlichkeit nicht so genau nahmen, davon zeugt die Geschichte des gestohlenen Eichelsack, die man sich seit Generationen erzählt und die der Pfarrherr von Untergruppenbach höchstpersönlich mit folgenden Worten von der Kanzel herab verkündet haben soll:

„Happenbacher Lumpenpack,
stiehlt meiner Magd den Eichelsack,
dort droba im Rattenhau.
Wer in fendt
und wieder brengt,
kriagt a Semmri Äbirn gschenkt!“

Es ist leider nicht überliefert, ob sich jemand diese Simmri Kartoffeln verdient hat.


Happenbacher Anekdoten

Wer von den Happenbachern sein Brot ehrlich verdienen wollte, für die schwere Arbeit aber nicht kräftig genug war, der ging „auf die Ster“, so z. B. der alte Schneider-Stoffele. Als er älter wurde, zog er oft mit Sohn und Enkelin die umliegenden Dörfer, um dort die Hosen und Jacken für die Männer und Buben zusammen zu flicken oder ab und zu mal auch einen neue anzufertigen. Einmal ging`s allerdings schief und die Happenbacher lachen heute noch darüber. Als der Schneider-Stoffele nämlich eines Tages in Richtung Oberheinriet ging und zwar, wie es sich gebührte, er voraus, drei Schritte hinter ihm der Sohn als Geselle und weitere zwei Schritte zurück der Enkel als Lehrling, da kamen sie auch in die Nähe des berüchtigten Kreuzweges, an dem wiederholt der „Geist vom Kreuzweg“ gesehen worden war. Kurz vor dem Kreuzweg nun macht der Enkel plötzlich kehrt und rennt zurück. Der Geselle der gerade noch etwas gehört hatte, drehte sich ebenfalls rasch um und rennt ihm nach. Gerade nun, als der Schneider-Stoffele den Kreuzweg vollends erreicht hat, und nochmals tief durchatmet, sieht er zu seinem Schrecken seine beiden Nachfolger in höchster Eile in Richtung Happenbach rennen. So schnell die Füße ihn trugen rennt der Schneider-Stoffele hinterdrein und atemlos kommen alle drei wieder zu Hause an.
„Hasch Du de Geischt gseh?“ fragte, den Schreck noch in den Gliedern, der Meister den Gesellen, der Geselle den Lehrling. Der Letztere aber bekannte reumütig: „Na, i hab´s Bügeleise vergesse ghet!“
Aber nicht immer klärten sich die „Geistergeschichten“ so rasch auf und oftmals haben ihn die Happenbacher gesehen: den „Geist vom Kreuzweg“, den „Grafen Fugger“, wie er vom Stettenfels herabkam und seinen Kopf unter dem Arm trug oder die Flamme, die bis hinüber zum Wildeck oder zur Ruine Helfenberg flog. Und oft sind die Ochsengespanne bei Nacht stehen geblieben, weil ein schwarzer Hund oder irgend ein Bann die Weiterfahrt hinderte, bis dann die Betglocke im Nachbardorf läutete und der Spuk vorüber war.
Einmal aber, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da flogen schwarze Raben krächzend über einem Getreidefeld und kündeten eine schwarze Tat. Denn im Getreidefeld lag einer, den hatten sie im Streit, als zwischen Happenbachern und Unterheinrietern Raufhändel ausgebrochen waren, erschlagen. Tagelang hatte die Mutter ihren Sohn gesucht und dann kamen die Männer von der Justiz und suchten die Täter. Zwei mußten, um sich der noch strengeren Strafe zu entziehen nach Amerika auswandern. Immer wieder beteuerten diese beiden Ausgewiesenen ihre Unschuld. In Amerika sollen sie eine Druckschrift „Der Justizmord von Happenbach“ herausgegeben haben. Aber auch sie half nicht, die eigentlich Schuldigen, die angeblich noch in der Heimat waren ausfindig zu machen. Die Druckschrift soll vom Gericht beschlagnahmt worden sein. Jedenfalls ist nirgends mehr ein gedrucktes Exemplar aufzufinden.

Noch einige andere kleine Geschichten erzählt man sich gern in Happenbach. Die eine von den zwei Buben, die einen Hasen handelten und sich lange nicht einigen konnten, weil der Besitzer eine O Mark forderte, der Liebhaber aber nur 50 Pfennig bieten wollte.


Und dann die Geschichte von der Lies, die das Unglück hatte, daß ihr 3 Wochen altes Kätzchen in den Milchtopf fiel. Obwohl es die Lies rasch wieder herauszog, blieb verständlicherweise der beste Teil der Milch am Fell des Tieres hängen. „Abgschleckt muaßt sein und wenn`d strabbelscht!“ soll die Lies sich geäußert und ihre Drohung auch wahr gemacht haben.

Happenbach heute (1954)
Happenbach, das heute 240 Einwohner zählt, ist Teilort der Gemeinde Abstatt, landeskirchlich gehört es nach Untergruppenbach, wo bis heute auch der Friedhof ist (in nächster Zeit soll ein eigener Friedhof angelegt werden). In der Beschreibung des Königreichs Württemberg von 1904 wird der Weiler mit zwei Sätzen abgetan:
„Kam teilweise schon im 14. Jahrhundert von den Heinriet an Löwenstein, doch hatte auch Württemberg ein Lehengut. 1504 fiel es an Herzog Ulrich und wurde von Abstatt, das den Löwensteinern gehörte, getrennt. Irgendwelche Baudenkmäler sind nicht vorhanden. Seit Jahrhunderten sind es etwa 35 Wohnhäuser. Wenn ein Neues gebaut wird, fällt meistens ein Altes dafür ein.
Das Schulhaus, auf der Anhöhe am Eingang des Weilers, fällt dem Fremden wohltuend ins Auge. Es trägt ein Türmchen mit einer Uhr, die regelmäßig 5 - 10 Minuten vorgeht. Vielleicht hat Happenbach deswegen den Anschluß an die „Große Welt“ nicht verpaßt, trotz seiner Abgelegenheit und Armseligkeit. Zweimal schon ist ihm der Anschluß gelungen: Vor 15 Jahren als die Autobahn gebaut wurde und vor etwa 80 Jahren, als die Methodistenkirche in die Gegend kam.
Es muß schon eine kleine Revolution gewesen sein, als in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts von Heilbronn aus die ersten Methodistenprediger nach Happenbach kamen. Einmal soll ein Steinbrecher gedroht haben: „Ich werden den Laden ausräumen!“ Er bewaffnete sich mit einer Axt und stellte sich, um den rechten Moment abzupassen, vor die Tür des Versammlungsraums. Aber auch hier sollte sich zeigen, daß Gottes Wort schärfer denn ein zweischneidiges Schwert ist. Jedenfalls trafen die Worte, die der Steinbrecher durch die Türe hörte, in sein Herz, und noch am selben Abend wurde aus dem Saulus ein Paulus. Besonders in den 90er Jahren, als der aus Frankenbach stammende Christoph Betz (der Gründer der Frankenbacher Methodistengemeinde) auf dem Happenbacher Bezirk war, breitete sich die Gemeinschaft rasch aus. In Happenbach wurde eine Kapelle gebaut, später eine Wohnung dazu, ebenso in Untergruppenbach. Auch in den umliegenden Dörfern wurden Versammlungsräume geschaffen. Bereits zu Anfang des Jahrhunderts wurde ein Posaunenchor gegründet, der sich noch heute auf stattlicher Höhe befindet. Er hat vor zwei Jahren in Hof a. d. Saale, dieses Jahr in der Schweiz etliche Platzkonzerte gegeben. Außerdem wurde ein Gesangverein, ein Jugendverein und schließlich einige Sonntagsschulen, damals lauter neuartige Einrichtungen, geschaffen. In vielen einfachen Häusern hielt damals das Harmonium seinen Einzug. Happenbach wurde dann besonders dadurch bekannt, daß im Laufe der Jahrzehnte aus dem Happenbacher Bezirk 12 junge Männer ins Prediger-Seminar nach Frankfurt a. M. empfohlen wurden und diese dann nach ihrer Ausbildung nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in der Schweiz und in Amerika tätig waren.
Einige dieser Steinbrecher und Waldarbeiter, insbesondere aber ihre Söhne und Enkel sind tüchtige Seelsorger, einige auch Schriftsteller und Professoren geworden. Auch der Urenkel des „Schneider-Stoffele“ ist heute Professor in Amerika und hat sich nach dem letzten Kriege maßgebend an den kirchlichen Hilfsaktionen für Deutschland beteiligt. Andererseits haben im Laufe der Jahre viele Missionare und Pastoren aus der weltweiten Methodistenkirche das kleine Happenbach aufgesucht und manchen wertvollen Vortrag gehalten. Zweifellos ist aus der Happenbacher Methodistengemeinde ein segensreicher Einfluß ausgegangen, der auch volksbiologisch gesehen außerordentlich beachtlich ist.

Durch die Autobahn-Einfahrt Heilbronn-Süd auf der Höhe zwischen Happenbach und Untergruppenbach ist Happenbach nun an eine Hauptverkehrsader herangerückt. Ob und inwieweit die Entwicklung des Weilers dadurch beeinflußt wird, muß jedoch noch abgewartet werden.
Noch träumt Happenbach weiter, bescheiden wie bisher in seinem Winkel und doch hat es bewiesen, daß eine große Kraft in ihm steckt.



Zwei Geschichten von Happenbachern
von Eugen Härle

Die Nachsitzstunde
Die Geschichte hat mir mein Vater erzählt. Sie hat sich im denkwürdigen Jahr 1888 dem Jahr mit den drei Kaisern und den drei Achtern zugetragen.
Vielleicht waren es deswegen auch gerade drei Buben, die wegen eines kleinen Ungehorsams, wie er Buben oft vorkommt und schließlich auch vorkommen darf, nachsitzen sollten. Froh gelaunt gingen um 12 Uhr die anderen Schüler nach Hause, mein Vater aber und zwei Kameraden sollten nachsitzen. Auch der Lehrer, der im 1. Stock des Schulgebäudes wohnte, stieg die Treppe hoch, hatte aber vorher vorsorglich den Schlüssel des Schulsaales umgedreht.
Wer kennt nicht die eigenartige Stille, die eintritt, wenn plötzlich der Lärm der Kameraden im Schulsaal verstummt ist und man allein oder mit wenigen anderen Leidensgenossen im Schulsaal zurückbleiben muß? - Ist diese Stille nicht dazu angetan, in so einem Bubenherzen das Gefühl der Reue zu wecken? Auch unsere drei Buben wurden reumütig, sie setzten sich auf ihre Plätze und erledigten die ihnen zu diktieren Strafarbeiten.
Nach einer halben Stunde waren diese Arbeiten fertig und immer noch nicht hörte man das Knarren des Schlüssels an der Saaltüre. Im Gegenteil, oben in der Lehrerwohnung wurde es vollkommen still. Sicher hatte sich der Lehrer zum Mittagsschläfchen sich hingelegt.
Es wurde 2 Uhr (14.00), es schlug 3 Uhr (15.00). Die Stille wurde unheimlich, der Magen knurrte. Ach und zu Hause stand sicher noch das Essen auf dem Ofen. Niemand kann es den Buben übel nehmen, daß sie unruhig wurden und zwar umsomehr, je mehr die Zeit vorrückte.

Da endlich um 4 Uhr (16.00) zeigt sich der Lehrer im Garten und hört schließlich das Rumoren seiner Sträflinge. „Was tut denn ihr noch da?“ meint er als er die Tür aufschließt. „Macht, daß ihr heimkommt!“ Auf das Heimkommen hatten die drei Buben ja längst gewartet. Aber sie hatten nicht daran gedacht, daß es sich allmählich im Dörfchen herumgesprochen hatte, daß die Drei immer noch in der Schule saßen.
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht sorgen. So gab es ein richtiges Spießrutenlaufen durch die Reihen der Kameraden und vorbei an den Fenstern der Nachbarn und Bekannten. Es half auch nicht, daß die Drei nach Steinen und Erdklumpen griffen, um sie in die schadenfrohen Gesichter, die da aus den Fenstern schauten, zu werfen. Schließlich kamen sie aber doch nach Hause und das Essen schmeckte, auch wenn es kalt geworden war. -
Die Drei aber haben sich dieses Erlebnis zu Herzen genommen und wenn sie damals auch spät nach Hause gekommen sind, im Leben kamen sie zurecht.


Wie zwei Happenbacher sich in Berlin trafen
Es ist nun eben einmal im Schwabenland so, daß nicht nur das Oberland einen anderen Dialekt als das Unterland, sondern daß tatsächlich jeder Flecken und jedes Dorf seine eigen Sprache spricht. Und wenn der Unterschied oft auch nur eine geringe Schattierung im Tonfall ausmacht, man merkt ihn doch und besonders merkt ihn der, der in der Fremde ist und Heimweh hat.
Als ich im letzten Krieg zur Wehrmacht eingezogen und nach Berlin abgeordnet war, unterhielt ich mich eines Tages vor einem größeren Wehrmachtsgebäude mit einem Kameraden. Ein Zivilist, der die Aufsicht über diese Gebäude führte, hörte uns eine Zeitlang zu, dann fragte er: „Kamerad, wo bist Du her?“ - „Aus`m Schwobaland!“ sage ich.
„Das merke ich, sag mir´s genauer“. - „Aus der Heilbronner Gegend!“
„Noch genauer“ - Ich muß lächeln: „Also aus Abstatt!“
„Und ich bin ein Happenbacher!“ meint er. - „Mein Vater auch“, ergänze ich.
„Und Dein Großvater war Anwalt in Happenbach! - Mit dem hast Du Ähnlichkeit! -
So jetzt weiß ich alles.“
Rasch wurde Freundschaft geschlossen. Er* erzählte mir noch, daß er seit 30 Jahren von Happenbach weg und nur selten wieder dort gewesen sei. Aus meiner Sprache hätte er, obwohl
ich „Schriftdeutsch“ gesprochen hätte, den Heimatklang herausgehört und er freue sich richtig, denn in den 30 Jahren sei ich erst der zweite Happenbacher, den er in Berlin getroffen habe.
Es gehe ihm gut in Berlin, aber Happenbach sei eben auch nicht zu verachten.

* Die Aufsichtsperson des Wehrmachtsgebäudes war ? Bäßler

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